Heimatgeschichte Thyrnau-Kellberg
Heimatgeschichte Thyrnau-Kellberg

Die Jagdgöttin Diana

Die kunsthistorisch bedeutende Statue der römischen Jagdgöttin Diana befand sich bis 1952 im Festsaal des ehemaligen Thyrnauer Jagdschlosses der Passauer Fürstbischöfe, der heutigen Zisterzienserinnen-Abtei. Die Skulptur wurde 1718 aus Stuckmarmor gestaltet, sie misst 225 cm.

 

Dort stand sie in einer marmornen Muschelnische, begleitet von zwei Jagdhunden, von denen einer der beiden ein Halsband mit den Initialen D. F. C. trug, die Initialen ihres Schöpfers Diego Francesco Carlone. Der Künstler gehörte zur berühmten oberitalienischen Familie Carlone, aus der die bedeutendsten Baumeister und Stuckateure der damaligen Zeit hervorgingen, geboren 1674 in Scaria im Intelvi-Tal, gestorben 1750 ebenfalls in Scaria. Er arbeitete vor seiner Thyrnauer Tätigkeit am Hochaltar von St. Michael, der Jesuitenkirche in Passau, und beeinflusste die erstrangigen Bildhauer und Stuckateure Egid Quirin Asam, Joseph Anton Feuchtmayer und Johann Baptist Zimmermann.

 

Da sich der Festsaal innerhalb der Klausur des späteren Zisterzienserinnen-Klosters befindet, war das Kunstwerk der Öffentlichkeit nicht zugänglich. Im Jahre 1952 wurde es unter der Äbtissin Ludwigis Baumgartner für 5000.- DM an das Bayerische Nationalmuseum verkauft, der Volksmeinung nach wegen der freizügigen Bekleidung der Jagdgöttin; der eigentliche Grund dürfte aber Geldmangel wegen Gebäudesanierung und Modernisierung gewesen sein. Die Kosten für das risikoreiche Abmontieren der Figur samt Muschel sowie für die Fracht gingen zu Lasten des Klosters.

 

Die Jagdgöttin Diana ist ein Zeugnis einer reichen Thyrnauer Jagdtradition. Die alte Hofmark, nicht weit von der Residenzstadt der Passauer Fürstbischöfe entfernt, umgeben von hügeligem, waldreichem Gelände, war mit seinem Schloss Zentrum eines bevorzugten Jagdreviers.

 

Ein Jagdereignis sei besonders hervorgehoben: die Kaiserjagd des Jahres 1676. Der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Leopold I. hielt anlässlich seiner Vermählung mit einer Wittelsbacherin in Passau eine Staatsjagd mit barockem Gepränge in der  Hofmark Thyrnau ab, umgeben von der Hochzeitsgesellschaft und der Reichsregierung.

 

Passaus bekanntester Rokokofürst Leopold Ernst Graf Firmian, Fürstbischof des Hochstifts Passau und Kardinal der Römischen Kirche, ging wegen seiner großen Jagdleidenschaft als „Nimrod im Purpurgewand“ durch Alois Johannes Lippls Hörspiel und Roman „Der Passauer Wolf“ sogar in die Literatur ein.

 

Firmian baute das Schloss im Stil der Rokokozeit um. Er erweiterte das Schloss um 13 Zimmer, damit Jagdgäste beherbergt werden konnten. Auf dem Dachtürmchen ließ er das Familiensymbol der Firmian anbringen: den vielstrahligen, goldenen Stern.

 

1778 bis 1783 ließ er im Westen des Schlosses eine über 2 m hohe und ca. 1 m starke Ummauerung für einen 80 Tagwerk großen Hirschpark errichten, der bis zur Schwarzmühle reichte. Als besondere Attraktion wurde darin auch ein weißer Hirsch gehalten. Damit frei lebende Hirsche in der Brunft in das Gehege springen konnten, wurde an manchen Stellen die Mauer von außen angeböscht, ein Zurückkommen der Hirsche war aber nicht mehr möglich. Firmian nannte sein Thyrnauer Jagdschloss seine „Favorita“.

 

Aus der Zeit der Thyrnauer Jagdkultur haben sich aus dem Schloss stammend mehrere Gemälde mit Jagdszenen erhalten. Sie sind heute im Festsaal des ersten Stockes der ehemaligen Schlosstaverne zu finden, dem jetzigen Gasthof Edlfurtner.

 

Auch wenn sich die Diana nicht mehr in Thyrnau befindet, kündet sie doch von Thyrnaus Kunst- und Jagdtradition an hervorragender Stelle im Münchner Nationalmuseum.